Fotograf Sergei Shekherov spricht über seine private Sicht auf queeres Leben in Russland – in den Metropolen und auf dem Land.

Die Situation für Lesben und Schwule hat sich glücklicherweise in den letzten 20 Jahren in Deutschland wesentlich verbessert. Natürlich ist weiterhin nicht alles perfekt, dennoch ist es – zumindest in den Großstädten – für gewöhnlich kein Riesenthema mehr, lesbisch oder schwul zu sein.

Ganz anders sieht jedoch die Situation in Russland aus – zumindest aus westeuropäischer Sicht. Die Einführung des Gesetzes gegen „homosexuelle Propaganda“ im Jahr 2013 kann man ohne Weiteres als institutionalisierte Homophobie betrachten. Der kürzlich veröffentliche ILGA Report zur Lage der LGBTI Menschenrechte in Europa sieht Russland auf dem 48. Platz – von 49 europäischen Ländern.

Daher finden wir es spannend, auch mal direkt aus erster Hand zu erfahren, ob diese negative Darstellung denn tatsächlich der Realität entspricht und wie das tägliche Leben von Homosexuellen in Russland aussieht.

Wir freuen uns sehr, dass der russische Künstler Sergei Shekherov, dessen Fotoarbeiten wir vor einiger Zeit auf Queerio! vorgestellt haben, bereit war, uns in einem Interview mit Informationen und Eindrücken zu schwulem Leben in Russland zu versorgen. Sergei ist 1981 in Sibirien geboren und lebt aktuell in Tula, einer Stadt südlich von Moskau mit rund 500.000 Einwohnern. Vor wenigen Wochen ist er von einem sechsmonatigen Aufenthalt in Portland, Oregon zurück nach Tula gekehrt.
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Queerio!: Wie können wir uns schwules Leben in Russland vorstellen – Gibt es so etwas wie ein offen schwules Leben – mit Schwulenbars und Clubs, CSD Paraden, Straßenfesten…? Gibt es dabei einen deutlichen Unterschied zwischen Moskau und St. Petersburg und dem Rest des Landes?

Interessante Frage – In Moskau, St. Petersburg und vielleicht zwei weiteren größeren Städten gibt es so etwas wie ein schwules Leben mit Bars und Clubs. Das ist nicht perfekt oder magisch dort – aber ja, das gibt’s. Schwule Partys gibt es auch, die durchaus nett und lustig sind. Meistens wissen aber nur Insider darüber Bescheid. Pride-Paraden gibt es in Moskau und St. Petersburg. Das funktioniert dort auch. Schwule Straßenfeste – Oh mein Gott – Nein.

Aber das ist nicht das wirkliche Russland – denn das liegt außerhalb der drei oder vier Großstädte und macht den weitaus größeren Teil des Landes aus. Das sind wie zwei verschiedene Länder – ein unglaublich großer Unterschied.

Im wirklichen Russland gibt es kein schwules Leben. Es ist nicht sicher dort. Also, es ist nicht so, dass Schwule von irgendwelchen zufällig daherkommenden Fremden auf der Straße ermordet werden, wie man das manchmal aus anderen Ländern wie beispielsweise aus der Ukraine hört. Aber im wirklichen Russland bleiben eine Menge Homosexuelle lieber unentdeckt und in ihren Familien. Es ist einfach nicht sicher und nicht gerade entspannt, wenn Du schwul bist. Du kannst wirklich überall Probleme bekommen, zuhause, bei der Arbeit, in der Schule, in der Uni, auf der Straße – überall. Und es gibt durchaus Gegenden in denen dich dein Vater oder dein Bruder umbringen wollen, wenn sie hören, dass du schwul bist. So sieht es immer noch aus hier. Das ist wirklich nicht lustig und ich kenne einige Leute in solchen krassen Gegenden, Orten und Familien.

Meine Situation ist da ein bisschen anders – ich war immer geoutet. Das ist meine Methode mich zu schützen. Und das funktioniert. Ich war in der russischen Armee und alle wussten Bescheid. Manchmal hatte ich da natürlich Probleme, aber eigentlich nicht weil ich schwul bin, sondern weil es halt die russische Armee ist (lacht).

Aber wenigstens musste ich nie Angst haben, dass jemand mein verstecktes schwules Leben zerstört. Ich habe keine Familie, keine Kinder, keinen toll bezahlten Job. Ich habe nichts zu verlieren. Andere hingegen haben etwas – Familien, gute Jobs, was auch immer – und das wollen sie nicht verlieren. Und das verstehe ich auch.

Queerio!: Wie siehst Du die Auswirkungen des Gesetzes gegen homosexuelle Propaganda auf die LGBT-Community. Hat sich da seit der Einführung etwas verändert?

Dieses Gesetz wurde gemacht, um Jugendliche unter 18 Jahren, vor – wie sie es nennen – „schwuler Propaganda“ zu beschützen.

In den Großstädten kannst Du vielleicht einige Schwule gemeinsam in der Öffentlichkeit sehen. Im wirklichen Russland – also im Rest von Russland – ist das unmöglich. Niemand wird sich beispielsweise in der Öffentlichkeit küssen. Selbst wenn Leute in deinem Umfeld, wie z.B. die Nachbarn, davon wissen und tratschen, offen wird es trotzdem niemand zur Schau stellen.

Ich glaube, bei diesem Gesetz geht es nur darum,  die Position der Regierung zusammenzufassen. Aber das Gesetz ist absolut lächerlich. Bei uns gibt es eine Menge Gerüchte über Schwule in wichtigen Regierungspositionen und auch in kirchlichen Positionen. Aber all diese Bastarde machen Gesetze um uns zu zerstören. Das ist echt lächerlich. Das ist als ob Leute, die viel Fleisch essen, allen anderen verbieten wollen, Fleisch zu essen… Vielleicht sehe ich gerade ganz fröhlich aus – aber wenn ich über die Regierung oder über Religion spreche, rege ich mich wirklich auf und werde sehr wütend.

Nach der Einführung dieses Gesetzes haben wir aber eigentlich keine große Veränderung festgestellt. Leute, die Schwule hassen, haben eine weitere Waffe – was natürlich nicht lustig ist. Wir sollten wie alle anderen behandelt werden und sollten die gleichen Rechte haben. Aber wir haben hier nicht dieselben Rechte. Wir können nicht dieselben Dinge wie Heteros machen – einfach nur, weil wir schwul sind.

Queerio!: Wie sieht es für gewöhnlich aus, in einem persönlichen Umfeld (Familie, Arbeit, Freunde, Nachbarn) schwul zu sein.

Da muss man wieder unterscheiden zwischen Moskau und St. Petersburg – und dem Rest des Landes. Ich spreche lieber über den Rest, weil das der viel größere Teil ist.

Lasst mich da eine Geschichte erzählen von einem wirklich guten jungen schwulen Mann – nicht drogensüchtig, nicht partysüchtig, intelligent – sehr intelligent, manchmal vielleicht ein wenig schräg – aber ich hab ihn wirklich gern. Seine Eltern haben Ärzte engagiert, die angeboten haben, seine Homosexualität zu heilen – gegen Geld. Ja, so etwas passiert im 21. Jahrhundert. Man kann es kaum glauben, aber das war vor vielleicht 5 Jahren.

Als er dann seine erste Arbeit fand und von der Familie unabhängig wurde, hat er seinen Eltern gesagt: Sorry – ich bin schwul und werde auch immer schwul bleiben. Am nächsten Tag war die Tür zu seinem Elternhaus für ihn verschlossen. Er hatte das erwartet und ist nun unabhängig und hat keine Angst mehr.

Das ist vielleicht bloß eine Anekdote und nicht die Regel. Aber eine Menge Leute sehen hier Homosexualität immer noch als Krankheit an. Eigentlich sollte jeder wissen, dass es keine Krankheit ist – aber wenn du genug Geld hast, findest du immer noch Ärzte mit einem Heilmittel dafür…

Aber es gibt auch andere Beispiele: Zwei Freunde aus Moskau haben inzwischen ihren zweiten Sohn adoptiert. Die beiden sind verheiratet, aber natürlich nicht in Russland. Sie sind eine absolut glückliche Familie, sehr kluge und interessante Leute. Klar hatten sie Probleme mit den Adoptionen, insbesondere beim ersten Sohn – aber irgendwie haben die das hinbekommen.

Zu mir hat meine Mutter mal gesagt: Du bist ein junger Kerl und wirst irgendwann mal Kinder haben. Ich habe dazu gesagt: Von welchen Kindern redest Du? Ich bin schwul! Sie sagte, ich könnte doch Kinder adoptieren… Das war dann meine erste offene Unterhaltung überhaupt mit ihr über meine sexuelle Orientierung.

Als ich mich dann von meinem ersten Freund getrennt habe, hat meine Mutter – immer eine gutgelaunte und fröhliche Person – gefragt: „Oh mein Gott, was wirst Du jetzt tun?“ „Mutter, mach Dir keine Sorgen“ – sagte ich – „ich kann immer noch Drogen nehmen oder anschaffen gehen.“ Mutter: „Drogen? Die sind doch verboten. Da landest Du im Gefängnis!“ – worauf ich nur meinte: „Ok, dann halt anschaffen gehen….“ (lacht)

Queerio!: Homophobe Gesetzgebungen und Regulierungen sind eine Sache, die Einstellung der Leute kann ganz anders sein. Wie denken die „Durchschnitts-Russen“ (sofern so jemand existiert) über Lesben und Schwule? Spielt die Kirche da eine wichtige Rolle?

Unglücklicherweise haben wir 70 bis 80% Leute, die ihre Gehirne mit Fernsehshows, Seifenopern und Werbung füllen. Trash, Trash, Trash! Ohne jede eigene Meinung.

Die hast du natürlich auch in anderen Ländern – aber hier haben wir wirklich viele davon! Die haben keine Vorstellung davon, was Homosexualität eigentlich ist. Die halten das für eine Krankheit oder Geisteskrankheit. Viele glauben, dass es etwas Schmutziges ist und wir alle verrückt sind – sexsüchtig, drogensüchtig – einfach Bastarde. Sie glauben, dass das nicht nur eine sexuelle Orientierung ist. Das ist ein Stigma, mit dem du kein richtiger Mensch bist, vielleicht ein halber Mensch, aber eigentlich mehr ein Tier.

Auch ich habe einige wirklich homophobe Freunde. Wenn ich dann über Schwule spreche, werden die echt panisch. Das ist natürlich bescheuert. Aber ja, wir sind Freunde und sie – hoffe ich – mögen mich. Aber nur mich, nicht andere Schwule. Da sind sie weiter homophob.

Einer meiner Freunde, ein kluger und netter Typ, hat wirklich große Angst davor, sein gutes Leben zu verlieren. Daher weiß eigentlich niemand Bescheid – nicht mal seine Freunde. Auch seine Geschäftspartner und seine Familie haben keine Ahnung. Momentan ist er für die alle ein netter Kerl – nach seinem Coming Out würde er für viele nur eine „Schwuchtel“ sein. Vielleicht blieben einige mit ihm befreundet. Ich bin mir aber sicher, dass nicht alle zu ihm stehen würden.

Kirche – die Russische Kirche. Die reden immer noch von Sünde. Und gehirnlose Leute übernehmen das dann. Die meisten gebildeten Leute stehen Homosexualität jedoch relativ neutral gegenüber. Aber das ist kein großer Anteil in der Bevölkerung.

Manchmal treffe ich mich mit meinen schwulen Freunden. Das sind dann so 5, 8 oder 15 Leute an einem Ort. Eine ziemlich gemischte Gruppe aus verschiedenen Persönlichkeiten, in verschiedenem Alter und mit unterschiedlichem Lifestyle. Aber ich würde sagen, die meisten sind sehr gebildet. Und bestimmt sind 80% davon sehr erfolgreich – weil schwul zu sein in Russland nicht billig ist. Wenn Du ein glückliches Leben führen willst, musst du dein wirkliches Leben verstecken. Dazu brauchst du eine tolle Wohnung oder ein tolles Haus, ein cooles Auto und einen gut bezahlten Job. Darum sind viele Schwule in Russland sehr erfolgreich.

Queerio!: Du lebst in einer Stadt außerhalb von Moskau, du bist schwul und veröffentlichst sogar queere Fotografie. Hast Du persönlich Benachteiligungen bei der Arbeit, Ärger in der Familie oder bei Nachbarn erlebt?

Ich bin gerade seit ein paar Wochen wieder aus Amerika zurück – wo ich für ein halbes Jahr gelebt habe. Dort habe ich mich absolut frei gefühlt – da musste ich mich nicht verstecken. Ich konnte machen was ich wollte – was ein magisches Gefühl war.

In Russland und in meiner Stadt kann ich so jedoch nicht leben. Natürlich versuche ich aber dennoch, ich selbst zu sein. Aber dann werde ich oft nervös, wenn ich wieder mal ein bisschen freaky bin oder einfach nicht so bin wie alle anderen. Du hörst die Leute dann förmlich schon schreien: „Du Schwuchtel!“. Sie schauen mich an, als ob ich ein Tier wäre. Ich versuche dann lustig zu sein und zu lächeln – aber ich hasse diese Momente wirklich. Ich habe hier eine graue Maus zu sein – wie jeder. Aber das will und kann ich nicht – weil ich definitiv keine graue Maus bin!

Zu Arbeit und Familie – wenn du ein gutes Leben führen willst, musst Du eine Grenze um dich herum ziehen. Und auch ich habe eine solche Grenze aufgebaut – die allerdings nicht aus Geld gemacht ist. Es sind vielmehr die Menschen in meinem Leben – jede Person ist dabei einzigartig. Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Menschen in verschiedenen Städten und in verschiedenen Ländern. Darum habe ich kein Problem mit meinem Leben – ich lebe in meinem eigenen kleinen magischen Land.

Wenn ich aber mein kleines magisches Land verlasse und nach draußen in das wirkliche Russland komme, habe ich natürlich Probleme – das ist nicht dramatisch – meist einfach kleine Gemeinheiten oder böse Worte – was auch immer…  Das ist auch nicht überraschend. Das ist Russland, nicht lustig, einfach Russland. Mit meiner Familie habe ich keine Probleme. Ich habe meine Mutter – und das ist alles.

Als ich ein Teenager war, hatte ich schon eine Menge Probleme. Aber nicht so sehr weil ich schwul bin, sondern weil mein Stiefvater einfach ein Bastard war – aber das kann jedem passieren. In der Schule hatte ich vielleicht auch das ein oder andere Mal Probleme deswegen, aber ich erinnere mich daran nicht mehr so. Ich mochte ein Mädchen, habe aber mit einem Jungen geschlafen (lacht). Zu der Zeit wusste ich noch nicht, dass ich schwul bin. Jetzt habe ich keine Probleme damit, schwul zu sein.

Queerio!: Du bist gerade aus Portland, Oregon zurückgekommen. Das ist sicher eine der liberalsten Städte in den USA. Wie nimmst Du den Unterschied wahr?

Da habe ich eine Frage für dich: Du küsst einen echt heißen, schönen, hübschen, netten, sexy Spanier – so mit Schmetterlingen im Bauch. Und nun küsst Du den Arsch von einem Schwein – einem wirklich schmutzigen Schwein. Bemerkst du den Unterschied?

Wenn es in Portland regnet, ist das magisch. Weil es einfach nur Regen ist. In Russland ist es schmutzig, wenn es regnet. Es ist auch schmutzig, wenn die Sonne scheint – einfach nur, weil  das verschiedene Rollen in den Köpfen der Leute spielt.

Ich habe Portland gemocht. Ich habe vorher nie geglaubt, dass ich da mal hingehen werde. Ich wusste auch nichts über die Stadt. Ich bin da einfach hin. Als ich in meine Stadt, Tula, zurückkam wollte ich heulen. Die Stadt ist absolut farblos und kaputt (lacht). Total abgefuckte Stadt, meine Stadt, aber ich liebe diese Stadt!

Es ist schon ein unglaublicher Unterschied zwischen Portland und Russland. Es sind einfach unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Gehirne und Mentalitäten.  Du bist verrückt, wenn Du in Russland jemanden auf der Straße anlächelst. In Portland sagen dir fremde Leute einfach, dass sie deine Hose oder deine Frisur mögen. In Russland geht das gar nicht. Wirklich gar nicht. Hier ist es schmutzig und grob.

Vielleicht ist Portland nicht die beste Stadt in den USA. Aber es ist ein wirklich netter Ort. Ich war insgesamt in 11 oder 12 Städten in den USA – ich konnte keine finden, die wirklich schlecht für mich war. Egal ob groß oder klein, lustig oder nicht – die Städte waren immer irgendwie gut. In Russland sind die Städte immer traurig.

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Queerio!: Wagen wir einen Ausblick. Wie schätzt du die Entwicklung ein? Gibt es Chancen, dass sich in Russland etwas verbessert? Was können russische Aktivisten tun? Kann Westeuropa zu einer positiven Entwicklung beitragen?

Entwicklung und Fortschritt in Hinsicht auf Homosexualität in Russland? Da wird nichts passieren!

Was russische Aktivisten tun können? Spannende Frage. Vor einer Woche habe ich mich mit meinen schwulen Freunden über Aktivisten unterhalten – und sie sagen: „Entschuldige, wer sind diese Bastarde, diese Aktivisten? Das ist nicht meine Stimme, diese Leute machen es nur noch schlimmer für die Community.“ Und das ist leider wirklich wahr. Aktivisten machen es nur noch schlimmer. Aber laut sind sie. Laut ist aber nicht das gleiche wie gut.

Darum sind Aktivisten bei einer Menge von uns schwulen Leuten auch nicht sehr beliebt. Aktivisten wollen Paraden, um zu feiern, dass ein paar schwule Amerikaner vor Jahren mal gegen die Polizei gekämpft haben. Aber das ist nicht unsere Geschichte und daher gibt es auch keinen Grund für uns, das mit Paraden zu feiern.

Eins nach dem anderen: wir brauchen unsere Rechte und ein gutes Leben – daher bevorzugen wir eine Evolution und keine Revolution. Und das wird auch nicht in ganz Russland klappen –  es funktioniert halt im Kleinen – in vielen kleinen homosexuellen Familien. Das ist nicht viel, aber ein bisschen. Es gibt Homosexuelle in langen Beziehungen – nicht für ein paar Monate, sondern für viele Jahre. Und das ist gut so. Aber im Allgemeinen erwarte ich keine großen Veränderungen für Russland. Und Aktivisten gießen nur Öl ins Feuer. Aktivismus ist meiner Meinung nach kein geeignetes Mittel.

Wie kann Europa Russland helfen? Ein Beispiel: Im Moment verhungern Kinder in Afrika. Wie kann Deutschland da helfen? Indem ihr was zu essen schickt? Ok, vielleicht verhungern sie nicht heute, sondern morgen. Hilft das? Ich denke, nein. Die Situation in Russland ist da ähnlich – ihr könnt uns nicht helfen, weil ihr nicht die Meinung von 80% der Bevölkerung ändern könnt. Unmöglich, das kann niemand. Und ehrlich gesagt, wollen auch größere Teile der schwulen Community keine Veränderungen. Unser Land wird nie sein wie Europa – weil wir einfach anders sind. Das ist wie mit einigen Ländern im Nahen Osten, wo Frauen oft wie Sklaven gehalten werden.  Auch die werden nie sein wie Europa jetzt ist.

Und in Russland ist das genauso – wir haben hier ja wahrscheinlich sogar Schwule, die Gesetze gegen Schwule machen. Wie soll man das ändern? Das geht nicht. Daher bevorzugen viele Schwule ein wenig Evolution in ihren eigenen kleinen magischen Ländern, Orten und Wohnungen. Diese Leute sind wirklich glücklich. Das sind nicht alle, aber zumindest einige. Sie können nicht das ganze Land ändern, aber ihr eigenes Leben – und das tun sie sehr gut.

Und sicherlich haben wir hier auch Leute, die gar nicht mit dieser Situation klarkommen. Und die migrieren dann ins Ausland – gute, kluge und interessante Leute.

Einer meiner Freunde aus der Ukraine sagt: „Ok, Europa will die Ukraine nicht in die EU aufnehmen – kein Problem, macht mir nichts aus – wenn ich in die EU will, geh ich in die EU.“ Und damit hat er total recht. Viele Leute, die sich aufgeregt haben, dass die EU die Ukraine nicht aufgenommen hat, waren nie zuvor in Europa und haben keine Vorstellung davon. Die wollten sich nur aufregen.

Ich glaube, dass Russland sich vielleicht ändern wird – sicher bin ich mir aber nicht. Es wird auf jeden Fall ein langer Prozess sein. Das ist nur meine Meinung. Vielleicht habe ich Recht, vielleicht nicht. Kuss an euch und auf Wiedersehen!

PS:

Mein Partner, 41, ein wirklich netter, intelligenter und erfolgreicher Kerl: Am Flughafen, als ich nach einem halben Jahr Amerika zurückkam, hat er mich für genau 3 Sekunden umarmt -das war alles. Er konnte meine Hand nicht halten, mich nicht küssen – weil er Angst hatte. In Moskau auf einem Parkplatz am Flughafen. Niemand konnte uns sehen, außer vielleicht ein paar Kameras. Natürlich war ich ein bisschen sauer: Ich habe ihn vermisst und wollte ihn spüren, berühren, riechen. Aber das musste warten, bis wir nach Hause kamen. Eine typische Situation aus Russland, aus Moskau.

Queerio! möchte Sergei für dieses offene und spannende Interview danken. Natürlich ist das die Meinung und die Stimme einer einzelnen Person. Andere haben andere Erfahrungen gemacht und auch andere Meinungen entwickelt. Für uns ist dieses Interview in jedem Falle ein sehr interessanter Einblick in die Situation in Russland – aus einer sehr persönlichen Sicht.

 

Sergei Shekherov
 

authorSergei Shekherov auf Queerio!: „Queere Fotografie zwischen Ästhetik und Augenzwinkern“

Website: affricanezz.com

Online-shop: www.saatchiart.com/affricanezz

 

 

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