Der Dokumentarfilm GAYBY BABY zeigt die Geschichte von vier Kindern – GUS (10), EBONY (12), MATT (11) und GRAHAM (11), die in australischen Regenbogenfamilien aufwachsen – also Familien, in denen homosexuelle Paare die Elternrolle übernehmen.

Und so kämpfen die Kids eben nicht nur mit den eigenen kleinen Herausforderungen und familieninternen Konflikten, die das Erwachsenwerden halt so mit sich bringt – sondern eben auch um ihren Platz in einer Gesellschaft, in der Familien mit homosexuellen Elternpaaren nach wie vor nicht an der Tagesordnung sind.

Der Film lässt den Zuschauer in gekonnt fotografierten Bildern am Leben dieser Familien teilhaben und zeigt den Alltag aus der Sicht der vier Kids, deren Leben sich um ganz alltägliche Themen wie die Leidenschaft von GUS fürs Wrestling (inklusive Vermöbeln der kleinen Schwester), Rugby oder Aufnahmeprüfungen dreht. Dabei geht es jedoch nie um eine Glorifizierung von Regenbogenfamilien, sondern um eine ganz alltägliche Sicht auf das Familienleben an sich – mit seinen Höhen und Tiefen.

Gleichzeitig kommt immer mal wieder eine gewisse Beklemmung auf, wenn es um Religion geht oder den Umzug von GRAHAM und seinen Eltern auf die Fidschi-Inseln, auf denen es eben nicht so ratsam ist, die Mitschüler darüber in Kenntnis zu setzen, dass man zwei Väter aber keine Mutter hat.

Wir hatten Gelegenheit, mit Maya Newell, der Regisseurin des Films, über den Film, ihre Motivation und das zugrunde liegende Thema zu sprechen.

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Was war die ursprüngliche Motivation und Intention, dieses Projekt zu beginnen und diese Dokumentation zu machen?

Maya Newell

Maya Newell

In Australien sind wir, genau wie überall auf der Welt, mitten in einer sehr hässlichen Debatte über die „Ehe für alle“ und die Frage, ob Kinder von gleichgeschlechtlichen Eltern irgendwie gefährdet sind.

Kinder und Familien werden in den Mittelpunkt dieser Debatte gestellt, bei der zahlreiche Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens das Argument wiederholen, dass „eine Ehe dazu da ist, Kinder zu haben und dass alle Kinder eine Mutter und einen Vater brauchen“. Viele Menschen sind ernsthaft besorgt – „was passiert, wenn wir Homosexuellen erlauben zu heiraten? Was ist, wenn sie Kinder haben? Wäre das in Ordnung?

Aber auch wenn homosexuelle Paare nicht heiraten können, so haben sie seit Generationen Kinder. Ich bin eins von diesen Kindern. Ich wurde von zwei lesbischen Müttern groß gezogen und ich glaube, dass unsere Stimme in der Debatte fehlt.

Charlotte Mars – die Produzentin – und ich wollten einen Film machen, der die Stimme dieser neuen Generation von Kindern vertritt – die neuesten Mitglieder der Queer Community. GAYBY BABY – ist einer der ersten Dokumentarfilme, die die Geschichte von gleichgeschlechtlichen Familien erzählen, und das aus der Perspektive der Kinder.

Kinder brauchen Erzählungen, die ihr Leben und die Vielfalt ihrer Familienstrukturen reflektieren. Wir brauchen Geschichten, die nicht nur proklamieren: „Wir sind gleich, unsere Familien sind perfekt, unsere Familien sind genauso wie eure!“ Aus diesem Grund ist GAYBY BABY auch kein Werbespot für gleichgeschlechtliche Familien, sondern ein Film über liebende Familien, die mit ihren Bedürfnissen und Werten kämpfen, wo Eltern auch mal überreagieren und Kinder enttäuscht werden. Gleichgeschlechtliche Familien sind nicht perfekt, aber auch nicht weniger perfekt als andere Familien.

Ich hoffe, dass wir anstelle einer reinen Verteidigungshaltung bald eine Position einnehmen können, in der wir Fragen stellen können, ohne alle Antworten zu kennen. Wir müssen verstehen, dass Kinder in Regenbogenfamilien nicht durch die Sexualität ihrer Eltern definiert werden.

Wie habt Ihr die Familien gecastet? Waren die eher aus dem Freundeskreis oder gab es einen Castingprozess?

Das Casting für GAYBY BABY war eine spannende Erfahrung. Wir sind losgegangen und haben 30 bis 40 Kinder aus ganz Australien interviewt um uns anzuhören, was diese neue Generation von Kindern zu sagen hat. Da ich selbst zwei Mütter habe, haben wir mit meinem Netzwerk angefangen und haben dann den Casting-Prozess über Elterngruppen im ganzen Land erweitert.

Gab es besondere – lustige, gute, erhellende oder auch schwierige Momente bei den Aufnahmen?

4 Jahre damit zu verbringen, diese vier unglaublichen Kindern zu begleiten, zu beobachten und Zeit mit Ihnen zu verbringen,  war so wie meine eigenen Kinder oder Geschwister aufwachsen zu sehen.

Ich fühlte mich wirklich privilegiert, diese Momente mit den Kindern zu teilen – ihren ersten Tag an der High School, der Augenblick, wenn sie am Weihnachtsmorgen aufwachen oder unsicher bei einer Aufnahmeprüfung auf der Bühne stehen. Das sind Momente, die wir sonst nur mit
unseren eigenen Familien verbringen.

In besonderer Erinnerung ist mir geblieben, als ich einmal mit EBONY bei einem Dreh die Straße entlang lief und die Sonne hinter den orangen Ziegeldächern unterging – es war Sperrmülltag und der Straßenrand war voll mit allerlei ausrangierten Schätzen. Sowohl EBONY als auch ich haben einen gewissen Hang zum Sammeln und zum Messietum und waren dementsprechend begeistert von dem ganzen Kram. Dann sind wir ausgeflippt und sind auf Matratzen rumgesprungen, haben mit alten Küchenutensilien auf Zäunen getrommelt und uns in Klamotten gesteckt, die die Nachbarn ausrangiert hatten. Schließlich habe ich die Kamera beiseitegelegt.

Das sind Momente in denen Du realisierst, dass einige Dinge nicht gefilmt werden können und auch nicht gefilmt werden sollten. Das war eine wichtige Lektion für mich als Dokumentarfilmerin.

Gab es während der Aufnahmen irgendwelche Beleidigungen oder Feindseligkeiten weil Ihr homosexuelle Eltern mit Kindern filmt?

Die einzigen Probleme gab es, als wir die Kinder in ihrem schulischen Umfeld filmen wollten. Wir waren ziemlich schockiert, dass einige Schulleiter sich weigerten, den Eltern von anderen Schülern ein Einwilligungsformular zu schicken und zu fragen, ob sie damit einverstanden sind, dass ihre Kinder möglicherweise im Hintergrund der Aufnahmen zu sehen sein werden.

Sie fürchteten die Reaktion der Eltern und dass es so aussehen würde, dass die Schule einen Film unterstützt, der eine „Gay Agenda“ in die Klassenräume bringt. In diesem Moment wurde uns bewusst, dass dieses scheinbar unschuldige Thema – Kinder und Familien – für das australische Bildungssystem ein wirklich kontroverses Thema war.

Der Film ist aus unserer Sicht ein sehr berührendes und gut gemachtes Portrait von Regenbogenfamilien, das die Sicht der Kinder in den Fokus stellt. Auch wenn aktuelle Forschungsergebnisse aus den USA belegen, dass gleichgeschlechtliche Eltern keine negativen Auswirkungen auf Gesundheit und Entwicklung der Kinder haben, gibt es viele Leute, die Regenbogenfamilien meist aus zwei Gründen ablehnen:

  1. Gleichgeschlechtliche Paare können nicht beide Rollen, die der Mutter und die des Vaters, übernehmen. Daher fehlt die weibliche oder männliche Rolle in der Erziehung, was zu Problemen für die Kinder führen muss.
  1. Neben den Dingen, mit denen sich Regenbogenfamilien intern beschäftigen müssen, gibt es darüberhinaus auch Druck aus dem Umfeld der Familien, von Nachbarn, aus der Schule, aus der Kirche – aus der Gesellschaft überhaupt. Das wiederum muss es unmöglich machen, Kinder gesund aufzuziehen.

Wenn man sich den Film anschaut, hat man nicht den Eindruck, dass die täglichen Themen und Probleme der Familien davon abhängig sind, ob die Eltern gleichgeschlechtlich sind. Man sieht liebevolle und sich kümmernde Eltern – und bekommt definitiv nicht den Eindruck, dass dieses Setup schlecht für die Kinder sein könnte. Der Druck von außen ist jedoch spürbar.

Wie entgegnest Du – aus deiner eigenen Geschichte und aus der Erfahrung mit den in GAYBY BABY porträtierten Familien – dem zweiten Argument?

Wie ihr sagt – es gibt viele Fragen zu Kindern, die in Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen, und ich glaube, dass die durchaus aus einer echten Sorge um unser Wohlbefinden herrühren. In diesem Sinne ist es immer gut, geraderaus zu antworten und die LGBT-Familie zu entmystifizieren. Deshalb möchte ich gerne beide Argumente adressieren.

Argument 1:

Die fehlende Akzeptanz gegenüber meiner Familie ist symptomatisch für die zugrunde liegende Ungleichheit von Männern und Frauen und der unhinterfragten Annahme, dass Mütter und Väter verschiedene Dinge in die Erziehung von Kindern einbringen.

Also lasst uns einen Schritt zurück gehen und fragen: Was macht aus einem Vater einen Vater und aus einer Mutter eine Mutter?

Traditionell würde man sagen: „Männer sind die stabilen, die auch mal mit den Jungs rumraufen, die für Disziplin sorgen und das Auto reparieren – sie bringen eben das Männliche ein. Frauen sind dazu da, Zärtlichkeit und Empathie mitzugeben, zuzuhören und Kommunikationsfähgkeit zu demonstrieren mit ihrer angeborenen Weiblichkeit.“
Ausgestattet mit dieser Art Wahrnehmung der Geschlechterrollen, werden viele denken, dass Kinder den maskulinen und femininen Einfluss benötigen – vermittelt von einem Vater und einer Mutter.

Nun lasst uns das vergleichen mit meiner Familie oder irgendeiner Familie mit gleichgeschlechtlichen Eltern, die außerhalb der üblichen Geschlechter-Stereotypen gegründet wurde. Da ist eben keiner Person eine traditionelle Rolle zugeordnet, jede Rolle und jeder Beitrag ist verhandelbar. Bei mir zuhause haben sich Liz und Donna das Kochen geteilt, die Arbeit, die Fürsorge und die Disziplin, und haben mir dabei Unmengen aufregender und kraftvoller Möglichkeiten gezeigt, eine Frau zu sein.

Kinder benötigen solange eine Mutter und einen Vater, solange die Gesellschaft diese Rollen in Quarantäne hält und künstlich in rigide, luftdichte Schubladen steckt. Heutzutage kann man mit Sicherheit sagen, dass Väter so viel Anpassungsfähigkeit mitbringen, das zu tun, was Mütter tun – und das gleiche gilt andersrum auch für Mütter.

Argument 2:

Wenn man sich die internationale Forschung anschaut, haben manche Kinder mit homosexuellen Eltern tatsächlich Schwierigkeiten deswegen – und ich würde sagen, dass wir den Druck durch die soziale Stigmatisierung von LGBTs genau anschauen müssen. Wir können nicht sagen, dass Stigmatisierung und tägliche Demütigung von LGBTs existiert und auf der anderen Seite nicht auf die Auswirkungen schauen, die das auf Kinder und Familien hat.

Es scheint selbstverständlich, dass es traumatisierend ist, wenn deine Eltern ein Coming Out in einer Gesellschaft haben, von der sie nicht akzeptiert werden. Mit Sicherheit kann man sagen: je konservativer eine Umgebung ist, desto schwieriger ist es, homosexuelle Eltern zu haben und desto mehr Stigmatisierung wird ein Kind erfahren. Das ist das größere Thema als die Wahrnehmung der Kinder von der eigenen Familie. Aus meiner Sicht ist die Gesellschaft für das Problem verantwortlich.

Wir danken Maya Newell für das Interview.

GAYBY BABY ist absolut sympathisch, in seiner Alltäglichkeit und Natürlichkeit berührend und in jedem Falle sehenswert.

Gayby Baby I Offizieller Kinotrailer Deutschland from Rise and Shine on Vimeo.

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Szenenfotos :

Alle Bilder: Pressematerial GAYBY BABY

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